Kollisions-Aufdeckungs-Rechercheworkshop zum geplanten Nationaldenkmal für Freiheit und Einheit

Unser Präsentationsmotto war: „Wir bauen uns ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal“

In Berlin soll ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal errichtet werden. Dazu gab es einen öffentlichen Wettbewerbverfahren, das zur Zeit unseres Workshops noch nicht abgeschlossen war. Da das nationale Denkmal angeblich auch in unserem Namen errichtet werden wird, wollten wir erforschen, wie es zur Idee, Ausschreibung und Ausführung gekommen ist. Warum soll gerade jetzt solch ein Denkmal gebaut werden, das in der deutschen Geschichte seit 1945 nicht gebaut wurde? Wer steckt dahinter? Zu Beginn des Workshops standen viele Fragen, die im Zuge unserer prozesshaften Arbeit nicht weniger, sondern immer mehr wurden.

Warum soll das Denkmal auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals vor dem Stadtschloss errichtet werden? Wieso wurde dieses Denkmal vom Bundestag beschlossen? Was ist eine deutsche Identität, auf die das Denkmal Bezug nimmt? Wer bemüht sich darum, das Denkmal zu errichten? Warum gerade jetzt? Warum wurde der erste Wettbewerb abgebrochen? Was hat das Denkmal mit dem Holocaust-Mahnmal zu tun? Was ist der Unterschied zwischen einem Denkmal und einem Denkzeichen? Welche Vorstellung von Öffentlichkeit/ vom öffentlichen Raum, welche Auffassung von Kunst spiegeln sich in der Denkmalsidee wieder? Kurz zusammengefasst: Was erzählt uns das nationale Denkmal und sein Wettbewerbsverfahren über den gesellschaftlich/politischen Kontext unserer Zeit?

Wir trafen uns täglich zu Diskussionen und um uns gegenseitig unsere Recherchen vorzustellen. Jede TeilnehmerIn unseres Workshops verfolgte eine spezifische Fragestellung:

So recherchierte Benno darüber, dass im Kontext der Kunst im öffentlichen Raum das Wort Denkmal dem 19. Jahrhundert zugeordnet wird und dass heute der Begriff Denkzeichen für neu entwickelte Formen des Umgangs mit Erinnerung steht. Denkzeichen fehlt der Bühnencharakter, so dass an und auf ihnen keine repräsentativen Zeremonien durchgeführt werden können. In einem Interview, das Benno und Jan mit Martin Schönfeld vom Büro für Kunst im öffentlichen Raum des Berliner Künstlerverbands führten, sagte Schönfeld

„Es erweckt den Eindruck, als ob […] der deutschen Hauptstadt eine nationale Identität mittels eines Monuments übergestülpt werden müsse.“

Zum Wettbewerb sagte er u.a:

„Das Mitwirken von […] Politikern in Preisgerichten führt letztlich dazu, dass sie sich selbst beraten.“

Daniel interessierte sich für das Verhältnis der Städte Leipzig und Berlin, zwischen denen ein Streit entbrannte, wo ein Denkmal, das an die „friedliche Revolution“ von 1989 erinnern soll, denn eigentlich hingehört. Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal, ein nationales Denkmal von vor ca. 100 Jahren wurde von der Deutschen Patriotischen Gesellschaft gestiftet, es soll an die wiedergewonnene Freiheit nach dem Sieg über Napoleon erinnern und die Einheit der Deutschen auf dem Stolz des Sieges begründen. Das nationale Freiheits- und Einheitsdenkmal soll an 1989 erinnern und ist initiiert von der Deutschen Gesellschaft. Welcher Begriff deutscher Identität soll durch beide Denkmäler evoziert werden?

Jan fragte, inwiefern das Denkmal als Form heute zeitgemäß ist und wie es mit dem Begriff der Nation zusammenhängt. Er prüfte verschiedene Aspekte des geplanten Denkmals aus der Perspektive der Frage nach ihrer Zeitmäßheit: vom politischen Willen über städtebauliche Fragen der Platzierung und Gestaltung, die Wettbewerbsdurchführung im konkreten Fall, bis hin zum Künstlerbild, auf das sich diese Form der Ausschreibung und Errichtung des Denkmals richtet. Ist das Denkmal der richtige Weg an 1989 zu denken?

Nina fragte sich, wieso vor dem eigentlichen Wettbewerbsverfahren zum Denkmal ein studentischer Wettbewerb von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgelobt worden war und recherchiert besonders über die mit diesem Wettbewerb angesprochene Zielgruppe – die Jugend, die 1989 nurmehr aus den Erzählungen kennt. Sie recherchierte über die Frage, inwieweit Einheit und Freiheit überhaupt miteinander zusammenhängen. Zeitzeugen sagen: 1.) Einheit und Freiheit gehören zusammen – „Die Freiheit zu reisen, wann ich will und wohin…“ 2.) Einheit und Freiheit gehören nicht zusammen – „Mit der Wiedervereinigung wird es für uns Frauen erstmal schwierig, also im Beruf…“.

Magnus ging es um einen Vergleich des geplanten Denkmals mit dem Holocaust-Mahnmal, um Parallelen und Unterschiede in den beiden Diskursen. Ist das Holocaust-Mahnmal eine Präsentation der Schande, die es erforderlich macht, durch ein positives Denkmal das Selbstbewusstsein der Deutschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen? In welchem Verhältnis steht ein nationales Denkmal zur deutschen Geschichte der Schuld? Während das Mahnmal von einer Bürgerbewegung von unten initiiert wurde, ist das Freiheits- und Einheitsdenkmal von Abgeordneten des Bundestages organisiert worden. Martin Walser, der massive Kritik am Mahnmahl übte, ist Mitinitiator des geplanten Denkmals.

Marlene interviewte Andreas H. Apelt, den Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft e.V., die den Bau des Denkmals verantwortet. Der Vergleich mit der Kritik, die in dem Interview das Jan und Benno mit Martin Schönfeld zum Ausdruck kommt, ließ Marlene folgende Sätze aus dem Interview herausstellen:

„Die Deutschen trauen sich wieder sich positiv an ihre Geschichte zu erinnern.“

„Die Deutsche Gesellschaft e.V. kann mit jedem Vorschlag leben, Hauptsache das Freiheits- und Einheitsdenkmal wird gebaut.“

In unserer Präsentation verbanden wir alle diese Stichworte mit blauen Linien. In die Mitte stellten wir einen Werkzeugkoffer, auf dessen Deckel stand:

Wir bauen uns ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal.

vorgegeben:

ein oder mehrere geschichtliche Ereignisse: 1989, deutsche Freiheitsrevolutionen

ein Sockel: vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal

ein Ort: vor dem Berliner Stadtschloss

eine Identität: die deutsche

Finanzen: 10 Millionen Euro

 

Projektleitung

Prof. Maren Hartmann (UdK-Seite)

Dr. Judith Siegmund (UdK-Seite)

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